Diese Kurzgeschichtensammlung enthält Geschichten im Genre des Magischen Realismus und wagt damit ein besonderes Experiment. Magischer Realismus ist eine Mischung aus Realismus und Phantastik – meistens wird in einem realistischen Setting nur ein einziges phantastisches Element eingebaut. Dies ermöglicht laut dem Herausgeber, über reale Probleme mit großer Leichtigkeit zu erzählen. Das ist größtenteils gut in den Geschichten gelungen, die u.a. Migration, Mobbing oder die Beeinflussung durch Influencer thematisieren. Dabei erlaubt das phantastische Element große Freiheiten und überlässt es den Lesenden, sich selbst ein Urteil zu bilden.
Besonders gefallen haben mir diese Texte:
„Lehm unter den Nägeln“ von Michael Schwendinger: Ein ausgestoßenes Kind wird gemobbt und findet einen unerwarteten Verbündeten.
„Lotte und Ich“ von Lia Violisti: Die Protagonistin ist zwischen ihrer griechischen und ihrer deutschen Herkunft hin- und hergerissen und ihre verschiedenen Identitäten erscheinen wie eigenständige Personen. Der Text thematisiert den Zwang, einer Nation zugehören und sich für eine Identität entscheiden zu müssen.
„Die alte Ceiba“ von Juan Tramontina: Diese Geschichte spielt in Kuba, wo ein alter Baum unter einem Fluch steht. Doch der Fluch entpuppt sich als ganz anders als gedacht und im Kern steht eine queere Beziehung, die damals geleugnet werden musste.
„Leben mit Harrods“ von Michael Johannes B. Lange thematisiert Kriegstraumata auf beiden Seiten des Falklandkrieges und ist surreal und gruselig.
„Schatten“ von Tom J. Forrester: Hier wird jemand arbeitslos und dann von Schatten gejagt. Die Schatten scheinen eine Metapher für den sozialen Abstieg zu sein.
„Der hässliche Kurt“ von Beatrice Sonntag geht um eine junge Frau mit Panikattacken bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz und ist sehr nachempfindbar geschildert.
„Die Opferung der Iphigenie“ von Ella Dombrowski ist eine ungewöhnliche Geschichte. Eine junge Frau wird von Influencern auf Social Media beeinflusst. Sie glaubt, dass sie ihr Aussehen ändern, Markenkleidung kaufen und Pilates machen muss, und gleicht sich immer mehr den Influencern an. Dabei steht der epische, eher altmodische Schreibstil und der Aufbau in Akten wie bei einem griechischen Drama in einem interessanten Kontrast zu dem modernen Thema.
„Wer bin ich?“ von Sarah Raich seziert auf wenigen Seiten das Drama einer Ehe mit zwei Kindern. All die unterliegenden Konflikte werden in wenigen Sätzen deutlich.
„Elusive as Magic“ von Gregor Jungheim behandelt den christlichen Fundamentalismus. Ein Metal Song wird dabei dem jugendlichen Protagonisten zum Verhängnis und zum Anlass für Rebellion.
„Unter Tage“ von Carolin Lüders ist von mir. Daher nur zum Inhalt: Es geht um Bergbau im Ruhrgebiet und die horrenden Arbeitsbedingungen im 19. Jahrhundert.
Fazit: Eine ungewöhnliche Zusammenstellung von Magischem und Realistischem, die man in der Form selten gelesen hat.