Mit Spoilern
CN: Vergewaltigung, Mord
Auf dieses Buch aufmerksam geworden bin ich ironischerweise, weil die Autorin 2023 einen Preis auf der Frankfurter Buchmesse erhalten sollte, welcher auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.
Worum geht es:
Das Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil spielt 1949, ein Jahr nach der Nakba, der massenhaften Vertreibung von Palästinensern, und beruht auf einer wahren Begebenheit. Israelische Soldaten töten eine Gruppe Beduinen, bis auf ein Mädchen, das die Soldaten entführen, vergewaltigen und ermorden.
Im zweiten Teil liest eine palästinensische Frau in einem Zeitungsartikel von dem Vorfall. Sie spürt eine merkwürdige Verbindung zu dem Verbrechen, da dieses exakt 25 Jahre vor ihrer Geburt passiert ist, und möchte mehr über das Mädchen herausfinden.
Ein eindrückliches Buch über Besatzung, Unterdrückung, und darüber, wessen Geschichte erzählt wird und wessen nicht.
Kommentar:
Der erste Teil ist komplett emotionslos aus der dritten Person geschrieben. Man erfährt die Ereignisse aus Sicht des Kommandanten des Militärpostens, jedoch nicht seine Gedanken oder Gefühle. Das ist eine interessante erzählerische Perspektive, die ich so noch nicht gelesen habe. Es ist, als würde sich das Innenleben der Vergewaltiger der Erzählbarkeit entziehen. Ebenso die Perspektive des Opfers. Es bleiben – scheinbar – die reinen Fakten.
Diese sind gerade durch die nüchterne, naturalistische Erzählweise eindrücklich. So zum Beispiel die detaillierte Beschreibung, wie die Soldaten das Mädchen ausziehen, waschen und ihr die Haare abschneiden. Diese Stelle wirkt ähnlich beklemmend wie die eigentliche Vergewaltigung, weil sie zeigt, wie die Soldaten das Mädchen wie ein bloßes Objekt behandeln.
Außerdem ist die Erzählung geradezu besessen davon, wie sich der Kommandant dauernd wäscht und rasiert. Vielleicht ist diese Obsession mit der Körperpflege eine Metapher zu dem Glauben, man selbst wäre die „Guten“ und „Sauberen“. Ein Glaube, der sich auch in der Propagandarede widerspiegelt, die der Kommandant vor den Soldaten hält, von wegen sie würden Zivilisation in die Wüste bringen.
Bemerkenswert ist auch, dass der Kommandant zu Beginn der Erzählung von einem Tier gebissen wird. Die Wunde entzündet sich und beginnt zu stinken. Nachdem er das Mädchen vergewaltigt hat, behauptet er, sie stinke und er könne ihren Geruch nicht ertragen – obwohl er es doch ist, von dem der Geruch ausgeht. Das kommt mir wie eine Metapher für Victim Blaming vor, also dass den Opfern die Schuld gegeben wird und die Scham statt den Täter das Opfer trifft.
Der zweite Teil ist ebenfalls recht nüchtern erzählt. Die Ich-Erzählerin scheint bemüht, jede Empörung, Wut oder Trauer aus ihrem Bericht herauszuhalten. Sie äußert sogar die einigermaßen bizarr anmutende Worte: „Ich hoffe übrigens, dass ich niemanden in Verlegenheit gebracht habe, […] wenn ich ausspreche, dass wir hier unter Besatzung leben.“ Als wüsste sie, dass ihre Geschichte nicht erwünscht ist (insbesondere im Westen). Sie hat sich scheinbar mit der Situation abgefunden und stört sich mehr an dem Staub, den eine Explosion an ihrem Arbeitsplatz verursacht, als daran, dass das Militär schon wieder Leute getötet hat. Nur ihre Angstzustände und Nervosität verraten, dass die Situation alles andere als in Ordnung ist.
Und doch ist sie besessen davon, die Geschichte des Mädchens herauszufinden, weil sie aufgrund des Datums 25 Jahre vor ihrer Geburt eine Verbindung spürt. Möglicherweise ist sie autistisch, worauf es einige Hinweise gibt.
Bei ihrer Suche stößt sie auf jede Menge kafkaesk anmutender Hindernisse. So darf sie als Bewohnerin der „Zone A“ gar nicht in die anderen Zonen reisen und muss dafür den Ausweis einer Kollegin aus „Zone C“ leihen. Auf dem Weg muss sie einige Checkpoints passieren. Sie sieht, dass viele Dörfer verschwunden sind, wie sie auch aus dem Abgleich einer israelischen und einer palästinensischen Landkarte erkennt. Stattdessen gibt es Mauern und Gefängnisse.
Zugleich schafft es die Autorin, auf nationalistische Narrative zu verzichten und die Israelis, denen die Prota begegnet, nicht als böse darzustellen. Sie werden als freundlich und hilfsbereit gezeigt, scheinen aber erstaunlich ahnungslos über die Lebensrealität der Palästinenser. So sagt ein Journalist, er wüsste nicht, was dagegen spräche, dass die Prota als Palästinenserin die Museen und Archive aufsuche. Daraufhin denkt sie, sie wüsste auch nicht, was dagegen spräche – außer ihrem Ausweis. Deutlich wird, wie sehr die beiden Gruppen in unterschiedlichen Welten leben. Der freundliche Archivar erzählt dann auch nur eine wohlwollende Version der Geschichte und weiß nichts von der Vergewaltigung. In den Archiven und Museen ist nichts darüber zu finden, diese Geschichte wird nicht erzählt.
Stattdessen scheint sich die Geschichte in der Protagonistin selbst auf unheimliche Weise zu replizieren. So wird sie beim Tanken mit Benzin bekleckert, dessen Geruch an ihr haften bleibt – genauso, wie die Soldaten das Mädchen zwangsweise mit Benzin gewaschen haben. Die Prota wird von einem Hund verfolgt, genau wie damals ein Hund dem Mädchen gefolgt ist. Und schließlich ergeht es ihr wie dem Mädchen – sie wird von einer Militärpatrouille erschossen. Damit endet dieser Versuch, die Geschichte der Ermordeten zu rekonstruieren, konsequenterweise mit der Ermordung derjenigen, die sie rekonstruieren will. Denn die Ursachen der Gewalt sind weiterhin vorhanden.
Dazu passt auf geradezu bizarre Weise, wie die Preisverleihung für Shibli auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.
Damit bleibt anscheinend das Fazit, dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird. Zumindest offiziell. Es gibt nämlich eine alte Frau, die der Prota über den Weg läuft und die in der Wüste lebt. Diese alte Frau müsste wohl die Ereignisse mitbekommen haben, fällt der Prota ein, doch sie traut sich nicht, die Alte danach zu fragen. So bleibt der Hinweis, dass es Leute gibt, die sich erinnern – man müsste sie nur fragen.