Anika Beer: We Burn the sun

Foto von "We burn the sun"

Worum geht es: 

In der Zukunft sind große Teile der Welt überflutet. Die Reichen wollen sich auf schwimmende Städte zurückziehen und alle anderen ihrem Schicksal überlassen. Dagegen kämpfen Piraten, unter ihnen die Physikerin Sorcha, die eine Zeitmaschine entwickelt hat. Nachdem ihre große Liebe Vince bei einer Kaperfahrt getötet wurde, versucht Sorcha in immer neuen Zeitreisen, Vince‘ Tod zu verhindern. Dabei gerät sie mit der Geheimagentin Viv aneinander, und nach und nach werden aus Feindinnen Verbündete.

Was ich gut fand: 

Die Thematik fand ich sehr spannend. Denn eine zunehmend überflutete Welt ist tatsächlich ein Szenario, das durch den Klimawandel droht. Und dass die Reichen sich auf schwimmende Städte zurückziehen, während die Armen ertrinken, ist traurigerweise nicht weit hergeholt, wenn dann immer noch Kapitalismus herrscht. Dass es Widerstand in Form von Piraterie gibt, ist eine coole Idee.

Allerdings geraten die politischen Themen ziemlich in den Hintergrund zugunsten des Zeitreiseplots. Der Zeitreiseplot ist spannend und mal etwas anderes, da nicht physisch durch die Zeit gereist wird, sondern die Charaktere nur gedanklich in unterschiedliche Zeitlinien übertreten. Eine originelle Idee. Ich habe aber bis zuletzt nicht verstanden, inwieweit diese anderen Zeitlinien wirklich „real“ sind, und wenn nicht, was das Ganze überhaupt bringen soll.

Trotzdem war es ein cooles Leseerlebnis, dieselben Ereignisse immer wieder in anderer Variation zu lesen, nach dem Motto „was wäre wenn“. Man sieht, welche Konsequenzen es hat, wenn die Charaktere anders handeln. In jeder Zeitlinie werden neue Informationen enthüllt, sodass sich wie aus Puzzleteilen ein Bild zusammensetzt. 

Dabei lernt Sorcha nach und nach, mit dem Verlust und der Trauer umzugehen und loszulassen. Die Behandlung dieses Themas gefiel mir gut. Gut fand ich auch die diversen Charaktere und den unterstützenden, liebevollen Umgang der Piratencrew miteinander.

Das Buch ist rasant geschrieben, stellenweise mit einem poetischen, faszinierenden Stil.

Was mir nicht so gut gefallen hat:

Ich habe anfangs lange gebraucht, um ins Buch reinzukommen.

Die Motivation der Charaktere ist mir zu unklar geblieben. Sorcha ist davon angetrieben, Vince‘ Tod zu verhindern, aber was hat sie davor überhaupt motiviert, sich den Piraten anzuschließen? Und was hat Viv motiviert, für den Geheimdienst zu arbeiten? Und wenn Viv eine überzeugte Geheimagentin ist, wird sie wohl kaum ruckzuck ihre Meinung ändern, nur weil Vince bei ihr Schuldgefühle wegen des Konsums von Markenklamotten erzeugt. Bei Viv wird kurz eine Backstory mit einer Abtreibung angeteasert, aber das wird so wenig weiter thematisiert, dass ich mich frage, was es überhaupt im Buch zu suchen hat.

Den Schreibstil fand ich zu gewollt „cool“ (viele Anglizismen und Umgangssprache, im Wechsel mit betont schlauen Begriffen). Noch dazu sind alle Charaktere im gleichen Stil geschrieben, ohne eigene Stimme.

Zwischendrin wechselt die Jahreszahl auf einmal von 2091 auf 2092 ohne nachvollziehbaren Grund. Ist das ein Tippfehler, oder habe ich etwas verpasst?

Und was der Titel „We Burn the Sun“ mit dem Buch zu tun hat, erschließt sich mir nicht, da das nirgendwo erwähnt wird. 

Fazit: Eine faszinierende Zeitreisestory vor einem relevanten politischen Hintergrund.

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