T. N. Weiß: Finsterflüstern

Foto vom Buch "Finsterflüstern"

Worum geht es:

Das Buch folgt drei Figuren auf verschiedenen Seiten eines interplanetaren Konflikts: Yolan ist ein Junge in einer altertümlichen Kultur, wo man Angst vor „Hexern“ hat. Koulé ist Soldatin in der Kultur dieser „Hexer“, die ihre Macht außerirdischen Wesen, den Titanen, verdanken. Mril ist ein Krieger der Shadku, Echsenwesen, welche mit den Feyen verbündet sind. Zwischen Feyen und Titanen schwelt ein jahrhundertealter Krieg, der neu aufzuflammen droht.

Was ich gut fand:

Das Buch ist sehr gut geschrieben und hat ein außerordentlich komplexes Worldbuilding (inklusive Fußnoten!). Es gibt eine jahrhundertealte Geschichte und detaillierte Kulturen zwischen altertümlich und modern. Alles fühlt sich realistisch an, z.B. eine Eiswelt, wo die Leute in unterirdischen beheizten Städten leben.

Dabei wird keine der Seiten als Gut oder Böse dargestellt, stattdessen werden alle Seiten einfühlsam erzählt und auch innerhalb der jeweiligen Kulturen gibt es Konflikte. Jeder der Charaktere stößt an die Grenzen seiner Welt und seiner Überzeugungen. So wird Yolan in eine Rebellion hineingezogen, bei der seine kindlichen Illusionen zerbrechen, Koulé muss gegen ihre Regierung handeln, um ihre Freunde zu retten, und Mril beginnt, an den Feyenfürstinnen zu zweifeln.

Ein interessantes erzählerisches Element sind die alten Sagen, die Yolan lernt, als er zu einem wandernden Geschichtenerzähler ausgebildet wird. Nach und nach wird der wahre Kern dieser Sagen enthüllt – der je nach Seite des Konflikts ziemlich unterschiedlich ausfällt. Was die Wahrheit wirklich ist, müssen die Lesenden sich aus den Puzzlestücken selbst zusammensetzen.

Was ich nicht so gut fand:

Das komplexe Worldbuilding hat den Nachteil, dass ich es anfangs trotz Glossar schwierig fand, mich zurechtzufinden.

Der Text liest sich stellenweise holprig, da es unnötig viele Absätze gibt.

Die „Hexer“ leben prinzipiell ewig. Ein spannendes Konzept, aber für mein Empfinden kam nicht genug rüber, welchen Einfluss das auf die Gesellschaft und auf das Denken und Fühlen der Unsterblichen hat. So fühlte sich Koulé für mich nicht an wie jemand, der mehrere hundert Jahre auf dem Buckel hat.

Die Titanen sind für mich noch ziemlich schwammig geblieben. Wer oder was sind sie und was sind ihre Absichten?

All das gibt jedenfalls Stoff für die Folgebände und ich bin gespannt auf die weitere Entwicklung der Charaktere. Insbesondere frage ich mich, was aus Lathova und Baral wird, zwei Nebencharakteren, deren Schicksal mich berührt hat.

Fazit: Komplexe Fantasy auf hohem Niveau zum Mitdenken.

*Rezensionsexemplar*

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