Katherina Ushachov: Prism

Foto vom Buch "Prism" neben einem Getränk.

Worum geht es:

Penelope, Sofie und Kader verlieben sich ineinander und arbeiten zusammen für eine IT-Firma. Bei ihrer Arbeit entwickeln sie eine Technologie, mithilfe derer aus den Gehirnen von Verstorbenen ein virtuelles Abbild erzeugt werden kann. Damit soll die Polizei Verbrechen aufklären. Doch die drei bekommen zunehmend Zweifel an ihrer Arbeit und geraten ins Visier dunkler Machenschaften … 

Was ich gut fand: 

Das Buch ist über mehrere Jahre hinweg im Zeitraffer erzählt und kann somit eine längere Entwicklung einfangen. Es hat eine ungewöhnliche Struktur, durch Farben und Hexcodes geordnet, und ist eine Hommage an Computerspiele.

Es gibt eine mysteriöse Rahmenhandlung mit einer Person, die in einer Computersimulation gefangen zu sein scheint, was sich nach und nach aufklärt. Dabei gibt es einige unheimliche und beklemmende Momente. 

Vor allem aber zeigt das Buch eindrücklich das prekäre Dasein queerer und migrantischer Menschen inmitten einer Arbeitswelt voller (Selbst-)ausbeutung. Um zurechtzukommen und ihre Jobs zu behalten, stellen sie ihre Zweifel zurück, bis es zu spät ist. Deutlich wird die Zwangslage, arbeiten zu müssen, während man keinen Einfluss darauf hat, was man mit seiner Arbeit herstellt, denn diese Entscheidung treffen andere.

So gibt es eine starke Szene, als mithilfe der Technologie ein verstorbener Selbstmordattentäter verhört wird und Kader und Penelope Zweifel bekommen, ob es richtig ist, ihn so zu behandeln. 

Davon abgesehen gibt es aber auch schöne Slice of Life-Szenen aus dem Leben des Polyküls und ihren Kindern. Wir sehen das liebevolle Zusammenleben, aber auch die Diskriminierung, auf die diese Familienkonstellation häufig stößt.

Was ich nicht so gut fand: 

Sofie und Kader sind als Charaktere blass geblieben und haben kaum Tiefe bekommen. 

Sprachlich wirkt das Buch stellenweise unbeholfen. 

Meiner Meinung nach hätte man außer dem Selbstmordattentäter weitere Verhöre verstorbener Personen zeigen und daran noch mehr Fragen aufwerfen können. Außerdem: was ist mit „ziviler“ Nutzung der Technologie? Würden nicht viele Menschen mit ihren verstorbenen Angehörigen sprechen wollen, und würde nicht ein Unternehmen dieses Bedürfnis gewinnbringend nutzen? Hier wurden die Möglichkeiten des Settings nicht ausgereizt.

(Ab hier Spoiler)

Das Ende hat mich enttäuscht. Denn am Ende kommt heraus, dass Nazis das IT-Unternehmen unterwandert haben. Alles, was bis dahin aufgebaut wurde, wie die (Selbst-)Ausbeutung auf der Arbeit, das rücksichtslose Verhören von Toten, die Diskriminierung einer queeren Familie … All das wird reduziert auf Nazis als das eigentliche Problem. Im Umkehrschluss: ohne Nazis wäre alles super? Das hinterlässt bei mir einen schalen Beigeschmack. Insbesondere, weil es so ein Ende häufig in Büchern gibt. Anstatt die Gesellschaftskritik konsequent durchzuziehen, wird ein Bösewicht oder eine böse Gruppe aus dem Hut gezaubert, die an allem Schuld sein soll und wohinter alles andere zurückzutreten hat.  

Fazit: Das Buch beinhaltet einige spannende Ideen, hätte diese aber gründlicher ausführen können. 

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